1945 - 1949



Für Wiesbaden geht der 2. Weltkrieg zu Ende. Als die Amerikaner am 28. März 1945 auf das Stadtzentrum vorrückten, stießen sie auf keinen Widerstand mehr. Die Wehrmacht und die letzten SS- und Polizeiverbände hatten die Befehlsstelle im noch zum Teil erhaltenen Polizeipräsidium verlassen.

In der nun folgenden schweren Nachkriegszeit, geprägt von kaum zu bewältigenden Krisenmomenten, scheint es geradezu ein Wunder zu sein, dass die Jahre überhaupt überstanden werden konnten. Aber trotz der Sorge um die Versorgung der Bevölkerung, den Wohnungsbau und die soziale Sicherheit, gab es trotzdem Menschen in unserer Stadt, die an eine Wiederaufnahme des gesellschaftlichen Lebens dachten.

Nur wenige Monate, nachdem ein Teil unserer Stadt in Schutt und Asche gefallen und am 28. März 1945 auf dem Museum die weiße Flagge gehisst worden war, machten sich Sportlerinnen und Sportler auf, das seit Jahren eingestellte Vereinsgeschehen wieder aufleben zu lassen. Verhandlungen mit der Militärregierung mussten geführt werden. Ende 1945/Anfang 1946 fanden auf Betreiben der Amerikaner Besprechungen mit dem Ziel statt, die früheren Turn- und Sportvereine wieder zu gründen.

Auch ein kleiner Kreis von Mitgliedern der noch bestehenden „Sportgemeinschaft Ordnungspolizei Wiesbaden“ bemühte sich, den Verein wieder auf die Beine zu stellen und den Spielbetrieb aufzunehmen. Dies gelang auch; aber erst nach Beseitigung großer Schwierigkeiten. Die damaligen Gesetze gegen nationalsozialistische Organisationen, zu denen auch die dem „Deutschen Reichsbund für Leibesübungen“ angehörigen Sportvereine zählten, ließen einen Sportbetrieb der „Sportgemeinschaft Ordnungspolizei Wiesbaden“ nicht zu.

So wurde bei Oberbürgermeister Georg Krücke die Neugründung, Umbenennung des Vereins und eine Lizenz beantragt. Und so erfolgte dann die Gründung eines neuen Vereins:
Der OberbürgermeisterWiesbaden, den 1. November 1946Ausschuß für Kultur und Sport
– Jugendausschuß -
L i z e n z
Gemäß den festgesetzten Bedingungen und nach Zustimmung der amerikanischen Militärregierung für den Stadtkreis Wiesbaden wird der nachgenannte Verein ermächtigt, seine Tätigkeit im Kreise Wiesbaden auszuüben.

Der Verein trägt den Namen
Polizeisportverein Wiesbaden.
seine Anschrift ist:
Polizeisportverein Wiesbaden, Friedrichstraße 32.

Er wird geleitet von dem
1. Vorsitzenden, Herrn Karl Lohse, wohnhaft Wiesbaden, Klopstockstr. 21 und dem
2. Vorsitzenden, Herrn Adam Schreiner, wohnhaft Wiesbaden, Winkeler Straße 12.
Sein Tätigkeitsgebiet umfaßt Fußball, Handball, Leichtathletik, Sommerspiele.
Der Verein wird das Vertrauen, das ihm geschenkt ist, durch offene Haltung rechtfertigen und für körperliche, geistige und sittliche Erziehung seiner Mitglieder Sorge tragen.
Jede Veränderung in der Leitung oder in der Zusammensetzung des Vorstandes sowie etwaige Änderungen in den Satzungen sind mir unter Beachtung der bestehenden Bestimmungen mitzuteilen.

In Vertretung:
gez. M a a ß
Stadtrat

Wer da meinte, nun sei alles in Ordnung, sah sich kräftig getäuscht. Die Lizenz mit der Ermächtigung, „seine Tätigkeit im Kreise Wiesbaden auszüben“, bedeutete noch lange nicht, den Spielbetrieb aufzunehmen. Die neu gefassten Satzungsbestimmungen des Landessportbundes Hessen erlaubten es nicht, dass Betriebssportvereine, zu denen auch die Polizeisportvereine gehörten, Sportveranstaltungen mit anderen, dem LSB angehörenden Sportvereinen, durchführen. So mussten auch die Fußballer des PSV, die in der Bezirksklasse angetreten waren, bereits nach einem Spiel auf eine weitere Teilnahme am Fußballgeschehen verzichten. Auch der Hessische Handballverband verweigerte den Polizei-Handballern die Aufnahme.

Der gesamte Spielbetrieb des Polizeisportvereins Wiesbaden wurde eingestellt. Gleichzeitig traten die Verantwortlichen des Vereins in Verhandlungen mit dem LSB, die aber nicht zu positiven Ergebnissen führten.

Genau zu dieser Zeit stellte sich ein besonderes Ereignis ein. Viele ältere Mitglieder unseres PSV erinnern sich noch an die Spruchkammern, die das Verhältnis von Personen, Vereinen und anderen Institutionen zum Nationalsozialismus zu klären hatten. So erhielt der PSV, der nach geltender Meinung zu den nationalsozialistischen Vereinigungen gezählt wurde, nach Abschluss eines entsprechenden Verfahrens folgenden Entnazifizierungsbescheid:
Grosshessisches StaatsministeriumWiesbaden, den 8.11.47 Der Minister für Wiederaufbau und politische BefreiungDer öffentliche Kläger bei der Spruchkammer Wiesbaden
Aktenzeichen: G 4/7

Auf Grund der Angaben in Ihrem Meldebogen sind Sie von dem Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus vom 5.3.1946 nicht betroffen.An HerrnDer öffentliche Kläger:Fritz Göbel
in Wiesbaden-Biebrich
Rittershausstr. 6
gez. Dr. Jakobs


Zurück zum ständigen Bemühen des PSV, anerkanntes Mitglied im Landessportbund Hessen zu werden. Am 13. August 1949 teilte der Verein unter seinem Vorsitzenden Karl Lohse dem LSB mit, dass der ehemalige Polizeisportverein Wiesbaden unter dem Namen „S.V. Grün-Weiss Wiesbaden neu ins Leben gerufen“ wurde. Er bittet weiterhin „um Zulassung für folgende Sportarten: Handball, Fußball, Leichtathletik, Faustball, Schwimmen, Boxen und Judo, sowie Kegeln. Da der Verein sich an den kommenden Verbandsspielen (Meisterschaftsspielen) beteiligen will, wird um beschleunigte Zulassung gebeten. Der Verein umfasst ca. 600 Mitglieder“. Als vorläufiger Vorstand zeichnen mit sportlichem Gruß Lohse, 1. Vorsitzender und Hellwig, 2. Vorsitzender.

Prompt erhält der Verein eine Antwort. Am 17. August 1949 lässt der Landessportbund Hessen wissen, dass der Antrag eingegangen sei. Er bittet um die Übersendung weiterer Unterlagen, „Damit Ihr Antrag dem Bundesvorstand zur endgültigen Entscheidung vorgelegt werden kann“. Abschließend „bitten wir Sie – wenn noch nicht erfolgt – bei Ihrem zuständigen Postamt die amtlichen Sportmitteilungen des Bundes zu bestellen, die für jeden Verein Helfer in der Arbeit unserer Vereinigung sind“.

Der SV Grün-Weiß Wiesbaden e.V. ist nach dem Willen des Vorstandes Nachfolger des Polizeisportvereins. Doch diesen Entschluss soll die Mitgliedschaft billigen. So wird mit Datum vom 19. August 1949 ein Rundschreiben folgenden Inhalts an alle Mitglieder versandt:
„Da es zur Zeit nicht möglich ist, den Polizeisportverein Wiesbaden unter seinem alten Namen aktiv in Erscheinung treten zu lassen, hat der Vorstand beschlossen, unter dem Namen S.V. Grün-Weiss Wiesbaden e.V. den schon auf dem Papier vorhandenen P.S.V. neu ins Leben zu rufen. Die Neugründungsversammlung des S.V. Grün-Weiss findet am Dienstag, den 23.8.1949, 15.00 Uhr, im Saale der Rheumaklinik statt. Sämtliche Mitglieder und Interessenten werden gebeten, wegen der Wichtigkeit der zu besprechenden Punkte unbedingt zu erscheinen.

Tagesordnung.
1. Umbenennung.
2. Neuwahl des Vorstandes.
3. Neuwahl der Fachwarte.
4. Sportplatzfrage, Sporthalle, Trainingsbetrieb.
5. Festsetzung des Mitgliederbeitrages.
6. Verschiedenes.

Der 1. Vorsitzende:
Lohse, Polizeikommandant.“


Die Versammlung endete erfolgreich. Noch am gleichen Tage (23.8.49) gibt der Vorstand dem Landessportbund die Erklärung ab, „daß der Verein die Hauptsatzungen des Bundes, sowie die Satzungen der Verbände vorbehaltlos anerkennt. Diese Erklärung ist als rechtsverbindlich anzusehen“.

Mit gleicher Post „gibt der Verein die Namen und Anschriften der Vorstandsmitglieder bekannt:
1. Vorsitzender: Friedrich Hellwig, Wiesb.-Erbenheim, Bierstadter Str. 44
2. Vorsitzender: Kurt Eberhardt, Wiesb.-Biebrich, Rheinstr. 18
1. Schriftführer: Hans Benz, Wiesb.-Frauenstein, Burgstr. 2
1. Kassierer: Fritz Göbel, Wiesbaden, Dotzheimer Str. 53
1. Beisitzer: Hans Vogel, Wiesb.-Schierstein, Dotzheimer Str. 102
(Hellwig) 1. Vorsitzender“


Ein aktiver und schneller neuer Vorstand, wie ich meine. Am gleichen Tage wird noch ein Brief an den „Kreis-Jugendausschuss Wiesbaden geschrieben“ und mitgeteilt, dass der Verein den neuen Namen führt, darum gebeten, schnellstmöglich die „Lizensierung“ durchzuführen. „Da der Verein sich an den kommenden Meisterschaftsspielen beteiligen will, wird um schnelle Erledigung gebeten.
Mit sportlichem Gruss
Hellwig, 1. Vors.“


Das „Rundschreiben an alle Sportfreunde und Gönner“ vom 27. August 1949 enthält alle Namen der in geheimer Wahl bestimmten Vorstandsmitglieder. Außer den bereits genannten gehören ihm an: 2. Schriftführer Heinz Hahn, Kassenprüfer Willi Krummeich und Max Hoffmann, Fachwart Handball Karl Rascher, Fachwart Fußball Willi Barbara, Fachwart Faustball Robert Schiedhering, Fachwart Leichtathletik Christian Hiemenz, Fachwart Schwimmen Georg Müller, Fachwart Boxen und Judo Anton Gaykowski, Fachwart Kegeln Wilhelm Denda, Fachwart Schach Karl Kreiß, Jugendfachwart Ferdinand Janetzko, Gerätewart Heinrich Zeller, 2. Beisitzer Helmut Jell.
Abschließend betont der Vorsitzende:
„Lieber Freund! Auch Du solltest nun nicht länger zögern, dem S.V. Grün-Weiss beizutreten. Die Leibesübungen und die mannigfaltigen Sportarten, die in unserem Verein auf breitester Basis zukünftig betrieben werden sollen, werden Deinem Körper neuen Auftrieb und frische Lebenskraft verschaffen.
Darum ergeht an jeden einzelnen der Ruf:

Raffe Dich auf, aus Deiner Trägheit und der Lethargie des mühseligen Alltags, gib Deinem Körper das, was er von Natur aus haben muss: Sportliche Bewegung in Licht, Luft und Sonne!
Darum trete dem Verein als aktives Mitglied bei!
Allen denjenigen aber, die glauben, für aktiven Sport keine Zeit zu haben, rufen wir zu:
Hilf wenigstens mit, unserer Jugend das zu geben, wonach die sich so sehr sehnt: Ein sportliches Leben in Freiheit und Natur, weg von der Strasse, weg vom Laster, dafür freiwillige Sportgemeinschaft zur Stählung des Körpers für den täglichen Lebenskampf!
Durch Deinen Beitritt als passives Mitglied zum S.V. Grün-Weiss kannst Du auch auf solche Weise zu diesen hohen Zielen beitragen!
Wenn Du nun, lieber Freund, Dir diese klaren Sätze durch den Kopf gehen lässt, wirst Du doch sagen müssen: Es ist ja für einen guten Zweck! Die äusserst niedrigen Beiträge, die für den kleinsten Lohn- oder Gehaltsempfänger erschwinglich sind, kannst auch Du gerne aufbringen.

In Wiesbaden sollte keiner fehlen, denn auch Du wirst ein ansprechendes Betätigungsfeld in einer der vom Verein betriebenen Sportarten, und somit den Ausgleich für anstrengenden Dienst finden.
Der Verein verfügt bereits über erstklassige Sportfachleute, die die Garantie für hervorragende Leistungen geben und im Rahmen von sportlichen Großveranstaltungen den Verein in die Reihe der ersten hessischen Sportvereine zu führen und in der Lage sind.
Trage auch Du Dich in anliegende Liste ein und trauere den 50 Pfennigen Monatsbeitrag nicht nach!
Rauche nur 5 Collie weniger!“


Der Appell des Vorsitzenden in einer für uns vielleicht etwas ungewohnten Sprache mag bei dem einen oder anderen ein Lächeln hervorrufen. Eines steht aber fest: Der „neue“ Verein mit seinen Verantwortlichen ging voller Enthusiasmus ans Werk. Er rief viele Bürgerinnen und Bürger dazu auf, etwas für die Jugend zu tun. Damals wie heute ist es das Anliegen des Sports, die Jugend in die Gemeinschaft aufzunehmen, damit sie lernen kann, wie man miteinander umzugehen hat.

Genau in diese Zeit fallen die Wahlen zum ersten Deutschen Bundestag. Am 14. August 1949. In Wiesbaden erhielten die SPD 28,8, die CDU 23,4, die FDP 36,4, die KPD 6,2 und die Unabhängigen 5,2 %. Damit war der Aufbau des demokratischen Staatswesens auf allen Ebenen beendet.

Es ist geschafft! Am 3. September 1949 begrüßt der Landessportbund Hessen den Sportverein Grün-Weiß Wiesbaden „hiermit als neues Mitglied in unseren Reihen“. Damit ist der ungehinderte Sportbetrieb und die Teilnahme an Meisterschaften gewährleistet. Doch der „Kampf“ um die Anerkennung als Polizeisportverein geht weiter.

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